September 1990, das JG-1 am Standort Holzdorf führt seine letzten Flugdienste als Truppenteil der LSK/LV der NVA der DDR durch.Was Jeder am Anfang dieses Monats ahnt und was heute Gewissheit ist, das JG-1 wird am 26.09.1990 seinen letzten Flugdienst durchführen und wenige Monate später aufhören zu existieren.


In jenem Jahr 1990 sind 38 Jahre vergangen, seit in Bautzen das 1. Jagdfliegerregiment der kasernierten Volkspolizei mit 258 Angehörigen gebildet wurde. Im September 1952 erfolgte die Verlegung des Regimentes an den Standort Cottbus.

Am 01.10.1952 wurde der erste Flugdienst auf dem Flugzeug Jak-18 unter Anleitung sowjetischer Fluglehrer durchgeführt. Im Mai 1953 beginnt die theoretische Umschulung und für erste Flugzeugführer die praktische Unterweisung auf dem Flugzeugtyp MiG-15 UTI. Im Zusammenhang mit den Ereignissen im Juni 1953 in der DDR muss dieser Flugzeugtyp wieder an die sowjetischen Streitkräfte zurückgegeben werden.

Am 18.08.1953 übernimmt das Regiment 11 Jak-18 sowie den Flugplatz Cottbus mit seinen Anlagen von der Sowjetarmee in eigene Zuständigkeit. Im Januar 1955 werden Flugzeuge von Typ Jak-11 übernommen. Mit der Gründung der NVA 1956 wird das Regiment zu einem Jagdfliegergeschwader umformiert. Es verfügt zu diesem Zeitpunkt über 109 Offiziere und 60 Unteroffiziere.


Am 28.06.1956 werden 5 MiG 15 im JG eingeführt, im September folgen weitere 12 Stück. Parallel zur Ausbildung auf der Jak-11 erfolgt die Umschulung auf die MiG-15. Ende 1957 sind 21 Flugzeugführer im Kunst- und Verbandsflug unter einfachen Wetterbedingungen am Tage auf der MiG-15 ausgebildet.

Am 23.02.1957 werden die ersten 10 MiG-17 F übernommen und die Umschulung des Personals fortgesetzt.

Am 06.01.1958 erhält das JG seine Truppenfahne. In jenem Ausbildungsjahr wird sowohl nachts als auch am Tage unter schwierigen Wetterbedingungen geflogen. Das JG besitzt jetzt 6 MiG-15 UTI, 24 MiG-17 F und noch einzelne Jak-11. Die durchschnittliche Flugzeit je Flugzeugführer beträgt in diesem Ausbildungsjahr 63 Stunden.

Im April 1959 wird der Bestand an Flugzeugen um 13 MiG-17 PF erhöht. Damit kann das JG erstmals am Tage und in der Nacht in den Wolken Luftziele mit Funkmessvisier bekämpfen. Kontinuierlich wird die Ausbildung fortgesetzt, überschattet von der ersten Katastrophe, bei der Oberleutnant Neudeck sein Leben verliert. In diesem Jahr wird die erste Landung auf dem Dezentralisierungsflugplatz ALTENO durchgeführt.

1960 wird das diensthabende System (DHS) mit einem Jagdflieger Paar und einer 10 Minuten Bereitschaft eingeführt. 1961 hat das JG im Bestand: 7 MiG-17 UTI, 17 MiG-17 F und 19 MiG-17 PF sowie 4 Jak-11.

Am 20.12.1961 wird das Geschwader in das DHS des "Warschauer Vertrages" eingegliedert. Als Jagdfliegergeschwader der Luftverteidigung hat es die Aufgabe, wichtige Energieobjekte im Cottbuser Raum sowie Elbe und Neiße- Übergänge zuverlässig gegen jegliche Angriffe aus der Luft zu schützen.

Seit 1963 bis zu seinem letzten Flugdienst 1990, war das JG mit dem Flugzeugtyp MiG-21 in verschiedenen Modifikationen ausgerüstet. Mitte der siebziger Jahre entwickelte das JG außergewöhnliche Leistungen in der Ausbildung im Manöver- Luftkampf (MLK) bis zu Sechsergruppen.

1979 wird die Start und Landebahn saniert. Das JG verlegt für einige Monate an den Standort GARZ auf USEDOM. Da die Lärmbelastung für die Cottbuser Bevölkerung unerträglich wird, muss das JG im November 1982 an seinen neuen Standort, nach HOLZORF verlegen.

Das JG-1 wird das am weitesten westlich stationierte JG der LSK/LV. In den achtziger Jahren bekämpfen die Flugzeugführer des JG-1 bei drei Gefechtsschiessen in Folge vom Flugplatz ASTRACHAN alle funkferngesteuerten Luftziele. Beim letzten Schiessen 1989 wurde mit eigenen Flugzeugen von HOLZDORF nach ASTRACHAN verlegt. Damit wurde der höchste Gefechtswert des JG erreicht. Die Angehörigen des JG-1 verstanden sich stets als Behüter des Friedens. Sie zeigten Opferbereitschaft und Stehvermögen bei der Lösung vieler komplizierter Aufgaben. Nicht wenige Flugzeugführer ließen im Dienst ihr Leben. Diesen und Allen, die ehrlichen Herzens an die Notwendigkeit ihrer Arbeit glaubend, die besten Jahre ihres Lebens hingaben, sollen diese Seiten gewidmet sein.

26.09.1990 Aus einem Artikel der Mitteldeutschen Zeitung "Die Nationale Volksarmee hat ausgedient, die Bundeswehr zieht nun ein" "Stell Dir vor, Du bist Arzt und kannst heute zum letzten Mal Menschen helfen mit Deinem Können, weil morgen das Krankenhaus aufgelöst wird. Stell Dir vor, Du bist Traktorist und sollst morgen Deinen Traktor auseinander schweißen. Stell Dir vor, Du bist Pilot und fliegst morgen zum letzten Male die MiG. ... wie immer gehst Du zum Flugzeug, die Ausrüstung vollständig, machst Deinen Kontrollgang, siehst nach, ob alles o.k. ist, übernimmst, steigst ein, lässt Dich anschnallen... Die Zeit: x + 20. Du lässt das Triebwerk an, schaltest die Geräte ein, überprüfst noch mal, rollst dann vor zum TKP, gibst Deinen Index durch... wartest auf grünes Licht... und dann los: Start - Nachbrenner rein, Fahrwerk einfahren... und immer der Blick zum Führenden. Diesmal ist es nur eine Strecke, keine Übung wie sonst, keine Aufgabe. Du musst einfach nur `ne Strecke fliegen, zum `zigsten Mal, zum letzten Mal und siehst Dir noch einmal die Gegend an...

Und dann der Überflug über den Platz. Du hältst genau die Position, ganz korrekt. Dann wird der Verband aufgelöst, jeder bereitet sich auf seine Landung vor. Auf die letzte Landung mit der MiG. Und Du gibst Dir Mühe, dass wirklich alles klappt. ... das Fahrwerk ausfahren, die Landeklappen, die Regime einnehmen zum Überflug des Fernfunkfeuers. Alles haut hin. Eine Superlandung, butterweich, bei allen heute. Und dann bist Du wieder unten. Am Boden. Auf dem Boden der Tatsachen. Das war's. Der letzte Flug. Stunden später sitzen alle wieder zusammen. Die Helme gehen von Hand zu Hand. Jeder soll unterschreiben. Zur Erinnerung. Das war's.

 

© by Jürgen Gruhl